Emotionalisierte Selbstbilder

Forscher*innen der Universität Lübeck zeigen Zusammenhänge zwischen Emotionen und dem Lernen von Selbstwirksamkeitsüberzeugungen

Warum glauben manche Menschen, dass sie etwas gut können und andere nicht, obwohl sie genau das Gleiche tun? Eine aktuelle Studie von Wissenschaftler*innen am CBBM zeigt, dass emotionales Erleben damit zusammenhängt, wie Menschen Überzeugungen über ihre Fähigkeiten entwickeln, und beschreibt die neuralen Prozesse, die dem zugrunde liegen.

In der Studie, die in der Zeitschrift Communications Biology erschienen ist, wurde die Verarbeitung überraschender positiver oder negativer Rückmeldungen untersucht während Studienteilnehmer*innen lernten, wie gut sie Eigenschaften von Objekten einschätzten. Bisherige Arbeiten beschäftigten sich mit schon fertig ausgebildeten Überzeugungen, z.B. ob Schüler*innen denken, gute mathematische oder sportliche Fähigkeiten zu besitzen und wie diese Überzeugungen zum Beispiel die Berufswahl beeinflussen. Die vorliegende Studie setzt an einem früheren Zeitpunkt an, nämlich in dem Moment, wenn Menschen neue Überzeugungen über ihre Fähigkeiten ausbilden.

"Wir haben eine neue Schätzaufgabe entwickelt, in der Studienteilnehmer*innen zum Beispiel das Gewicht von Tieren schätzen müssen. Wir gehen davon aus, dass sie dabei nicht auf existierende Überzeugungen über ihre Fähigkeiten zurückgreifen können und diese erst lernen müssen.", erklärt Dr. Laura Müller-Pinzler vom Social Neuroscience Lab am CBBM. Wie erwartet ist das Lernen der eigenen Fähigkeiten verzerrt, sodass Menschen eher negative als positive Rückmeldungen nutzen, um ihr Selbstbild in der Aufgabe zu entwickeln. Personen, die dabei stärker auf negative Informationen achteten, zeigten auch eine stärkere emotionale Erregung, wenn ihnen eine schlechtere Leistung zurückgemeldet wurde als erwartet. Dies zeigte sich in Reaktionen der Pupille und in der Aktivität von Hirnregionen, die bei der Emotionsregulation beteiligt sind. Die Ergebnisse geben Hinweise für neuro-computationale Mechanismen, die emotionale Erfahrungen integrieren während Menschen neue Überzeugungen über ihre Fähigkeiten ausbilden.

"Selbstwirksamkeitsüberzeugungen sind wichtig, wenn wir Lebensentscheidungen treffen. Unsere Studie liefert nun erste Belege dafür, dass die anfängliche Entwicklung dieser Überzeugungen mit dem emotionalen Erleben verbunden ist. Gerade weil soziales Feedback auf unsere Leistungen im Alltag häufig mehrdeutig ist, ist es für die Entwicklung starker Selbstwirksamkeitsüberzeugungen förderlich, wenn positive Emotionen die negativen Erfahrungen während der Entwicklung neuer Selbstbilder überwiegen."

Laura Müller-Pinzler, Nora Czekalla, Annalina V. Mayer, Alexander Schröder, David S. Stolz, Frieder M. Paulus, Sören Krach (2022) Neurocomputational mechanisms of affected beliefs, Communications Biology 5, 1241, DOI https://doi.org/10.1038/s42003-022-04165-3